Brief an einen Freund...
- gergen2
- 13. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Mit meinem Verständnis des Fotografierens eine Auftragsarbeit (Taufe) anzunehmen, war aus meiner heutigen, rückblickenden Sicht vielleicht eher naiv als mutig. Aber es war doch eine wichtige und nachhaltige Erfahrung, die meine grundsätzliche Einstellung zum Fotografieren bereichert und mich wieder ein Stück weitergebracht hat auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, die mich immer noch bewegt:„Warum fotografiere ich eigentlich?“
Wie du sicher schon wahrgenommen hast, liegt der Wert der Fotografie für mich grundsätzlich nicht primär im ästhetischen Bereich. Mit meinen Bildern und meinem künstlerischen Ansatz in der Fotografie versuche ich, Vorgänge, Haltungen, Gefühle, Konzepte und meine ganz persönlichen Erfahrungen dokumentarisch darzustellen und für die Betrachter nachvollziehbar zu machen. Manchmal gelingt mir das gut, manchmal aber auch nicht.
Der Film: Vielleicht hat mich der Film „The Square“ deshalb so getroffen, weil er eine Frage berührt, die auch für meine Fotografie zentral ist: Wie begegnen wir einander? Sehen wir den anderen wirklich — oder nur durch die Raster unserer Erwartungen, Rollen und gesellschaftlichen Sicherheiten?
Der Film hat für mich manche wohlfeile Vorstellung von Demokratie, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung infrage gestellt. Er zeigt, wie brüchig unsere moralischen Überzeugungen werden können, sobald sie im Alltag konkret eingefordert werden. Genau das hat mich bewegt, auch meine eigene Haltung dazu kritisch zu hinterfragen.
In der Szene mit dem an Tourette erkrankten Menschen wird für mich sehr deutlich, wie schnell eine scheinbar aufgeklärte und tolerante Umgebung in Hilflosigkeit umschlägt. Niemand weiß, wie er angemessen reagieren soll. Alle schauen betroffen zu Boden, bis schließlich jemand Toleranz anmahnt. Für mich liegt genau darin die Ironie: Nicht die Toleranz selbst wird infrage gestellt, sondern eine Toleranz, die zur bloßen Pose wird und keine wirkliche Verantwortung übernimmt.
Der Film skizziert für mich ansatzweise auch eine Krise der Kunst: Dort, wo Kunst ihre kritische, irritierende Funktion verliert, droht sie zu einem stabilisierenden Innendesign der herrschenden Verhältnisse zu werden. Dabei richtet sich die Kritik für mich weniger gegen die Kunst selbst, sondern vielmehr gegen einen Kunstbetrieb, der gesellschaftliche Fragen zwar ausstellt, sie aber zugleich entschärfen, ästhetisieren und vereinnahmen kann.
Aber über allem stand doch die grundlegende Frage:Was macht es uns eigentlich so schwer, uns anständig, achtsam und vertrauensvoll zu verhalten?
„The Square“ als Ausstellungsprojekt von Östlund hat es ja tatsächlich gegeben. Bei dem genialen Dialog zur „Selbstoffenbarung“ am Eingang zu den Museen musste man sich entscheiden, ob man das Museum über A = Vertrauen oder B = Misstrauen betritt. Als Beweis sollte man beim Durchgang A seine Geldbörse auf einem Podium ablegen — unbeaufsichtigt.
Die meisten Menschen sind wohl an B vorbeigegangen. Wie aber hätte ich mich verhalten?
Mit seinen Ausstellungen in Schweden und Norwegen und mit seinem Film ging es Östlund um die Verantwortung, die man in der Gesellschaft hat: einerseits um die persönliche Verantwortung, andererseits aber auch um die Verantwortung, die das Individuum der Gesellschaft gegenüber trägt.
Und noch was: dass du keine Gegenleistungen erwartest und nie etwas aufrechnest, habe ich schon als ein besonderes Wesensmerkmal von dir erkannt.
Die Annahme des Auftrags, die Taufe zu fotografieren, war für mich kein Gefallen. Ich habe es einfach gerne gemacht und war von Anfang an sehr gespannt, wie ich damit umgehen würde. Und es war mir eine Freude, dies gemeinsam mit Shabir zu machen.
Vielleicht war gerade dieser Auftrag deshalb so wertvoll für mich: Er war eine konkrete Erfahrung von Vertrauen — nicht als theoretisches Konzept, sondern als gelebte Beziehung.
Wenn du es so sehen willst: Die Erfahrung war mein Honorar — und das „verdiente Geld“ war mir von Beginn an egal.
… und das Geld ist in Shabirs Bildung natürlich sehr gut „investiert“!
Danke dir für dein Vertrauen.Nicht nur mein menschliches Ich, auch mein fotografisches Ich entwickelt sich am Du. ;-)
Dieter




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