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der.verlassene.patient


"Kunst wird erst dann interesant, wenn wir vor irgendetwas stehen, dass wir nicht gleich restlos klären können"

Christoph Schlingensief

Fotografische Beobachtungen zu einem Kunstprojekt im öffentlichen Raum

Über drei Tage hinweg hatte ich die Aufgabe, das Kunstprojekt im Schlosspark Bonn„Der verlassene Patient“ fotografisch zu begleiten. Dabei ging es mir nicht nur darum, den Verlauf der Performance festzuhalten, sondern vor allem auch darum, die Reaktionen der Menschen zu beobachten, die an diesem verglasten Container vorbeikamen.

In dem Container war ein Patientenzimmer eingerichtet. Ein Bett, ein Nachttisch, Pflegeutensilien, eine Toilette — und mittendrin ein Mensch als Patient. Für alle sichtbar, mitten im öffentlichen Raum. Eine Situation, die zunächst vielleicht irritiert, vielleicht auch befremdet. Aber genau darin lag für mich die besondere Kraft dieses Projekts.

Denn sichtbar wurde etwas, das wir im Alltag oft lieber nicht sehen wollen: Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit und das Angewiesensein auf andere Menschen. Dinge, die eigentlich zu jedem Leben dazugehören, die aber meistens hinter Türen stattfinden — im Krankenhaus, im Pflegeheim oder im privaten Raum.

Entwickelt wurde das Projekt von Simon Theis, Student der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, der seine eigenen Erfahrungen als Gesundheits- und Krankenpfleger in diese künstlerische Arbeit eingebracht hat.

Fotografisch spannend war für mich besonders das, was außerhalb des Containers passierte. Manche Menschen gingen einfach weiter. Andere blieben stehen, schauten neugierig, irritiert oder auch betroffen. Einige kamen näher, versuchten zu verstehen, was sie da eigentlich sehen. Wieder andere wirkten unsicher, fast so, als wüssten sie nicht, ob sie hinschauen dürfen oder lieber wegsehen sollten.

Genau diese Momente haben mich interessiert: dieses kurze Innehalten, ein fragender Blick, ein Gespräch am Rand, eine Körperhaltung, ein Zögern. Nicht der spektakuläre Moment stand für mich im Vordergrund, sondern eher diese kleinen, leisen Reaktionen.

Der Container wurde dadurch zu einer Art Störung im normalen Ablauf der Stadt. Dort, wo Menschen sich verabreden, zur Arbeit gehen oder einfach nur unterwegs sind, stand plötzlich dieses Bild von Verletzlichkeit und Abhängigkeit. Man konnte daran vorbeigehen — aber eigentlich konnte man es nicht wirklich übersehen.

Für mich stellte sich beim Fotografieren immer wieder die Frage: Wie kann man so eine Situation respektvoll dokumentieren? Wie nah darf man gehen? Wann wird Beobachtung zu neugierig? Und wann ist Distanz vielleicht auch wieder eine Form des Wegschauens?

Ich habe versucht, fotografisch eher zurückhaltend zu bleiben. Es ging mir nicht darum, Betroffenheit groß herauszustellen oder dramatische Bilder zu suchen. Wichtiger war mir, die Begegnung zwischen dem Projekt und den Menschen im öffentlichen Raum sichtbar zu machen.

So wurde die fotografische Dokumentation für mich selbst zu einem Teil der Auseinandersetzung. Die Bilder zeigen nicht nur den Container und den Patienten, sondern auch, was diese Situation bei den Menschen ausgelöst hat — oder vielleicht gerade nicht ausgelöst hat.

Am Ende bleibt für mich eine Frage, die weit über dieses Kunstprojekt hinausgeht:

Wie gehen wir eigentlich mit Menschen um, die auf Hilfe angewiesen sind? Und wie viel sehen wir von dem, was wir im Alltag gerne ausblenden?



 
 
 

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